Gedankensplitter

Jahreslosung 2020 Markus 9, 24
Πιστεύω· βοήθει μου τῇ ἀπιστίᾳ. – Ich glaube, komm meinem Unglauben zur Hilfe.
Wer ernsthaft Philosophie betreiben will, kommt an Sokrates‘ Einsicht nicht vorbei: οἶδα οὐκ εἰδώς – Ich weiß, dass ich kein gesichertes Wissen habe! Mit dem Glauben ist es ähnlich: „Ich glaube, komm meinem Unglauben zu Hilfe“ Die Jahreslosung steht in einer kleinen Geschichte über die Heilung eines besessenen jungen Mannes. Der Vater bringt ihn zu den Jüngern Jesu in der Hoffnung, sie könnten ihm helfen. Sie können nicht. Jesus regt sich über ihr geringes Vertrauen auf. Dann wendet er sich dem Vater zu, der ihn anflehte: „Hilf uns, wenn Du kannst!“ “ - „Was das ‚wenn Du kannst‘… betrifft, kann ich dir nur sagen: Wer glaubt, kann alles!“ Der Vater krächst mit letzter Kraft: Ich glaube, komm meinem Unglauben zur Hilfe. Daraufhin heilt Jesus den Mann von seinem Leiden. Im Anschluss fragen die Jünger, warum sie diesen Mann nicht heilen konnten. Seine Antwort: „Diese Art kann man nur austreiben im Gebet und Fasten.“
Kann diese antike Geschichte über die Austreibung eines bösen Geistes, der von einem Menschen Besitz ergriffen hat, unsere heutige Situation besser verstehen? „Besessene“ schicken wir zum Arzt. Und das ist gut so. Was aber, wenn wir alle wie ‚besessen‘‘ sind, von Wachstumsraten und unaufhörlich steigendem Konsum? Die Klimakonferenz in Madrid hat gezeigt, wie schwer wir uns tun, wirksame Schritte der Veränderung zum Erhalt unserer Erde zu tun. Für den Algarve haben Wissenschaftler errechnet, dass um 2050 alle großen Küstenstädte Faro, Portimao, Lagos vom Meer überschwemmt sein werden. „Weniger ist mehr“ - also fasten, wagt kaum einer zu sagen. Aber vielleicht muss uns das Wasser erst bis zum Hals stehen. Das Wort Fasten heiß ursprünglich „halten, festhalten, beobachten“. Meint doch: Die Zeichen der Zeit beobachten, sich an wissenschaftliche Erkenntnisse halten und sein Verhalten danach ausrichten.

Im letzten Jahr erinnerten wir uns an die friedliche Revolution in der DDR vor 30 Jahren. Sie begann senfkornartig klein mit einer Friedensminute am Buß- und Bettag 1980. Einen Tag, den die Bundesrepublik als kirchlichen Tag gerade abgeschafft hatte. Wozu auch darüber nachdenken, was man besser machen kann? Die Andachten für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wuchsen an, bis am Ende tausende Menschen für eine Veränderung friedlich demonstrierten.

Aus dem Innehalten, dem Forschen, was es besser zu machen gibt, erwuchs eine weltverändernde Bewegung. Beten und Handeln, Andacht und Alltag der Welt gehören zusammen. „Was das ‚wenn Du kannst‘… betrifft, kann ich dir nur sagen: Wer glaubt, kann alles!“ ruft Jesus auch uns zu. Und wir können darauf vertrauen, dass Gott in den Worten Jesu unserem Unglauben, Gegenargumenten und Zweifeln zur Hilfe kommen wird. Vielleicht stimmt es auch für unsere Generation, dass unsere „Besessenheit“ nach immer mehr durch Beten und Fasten geheilt werden kann.

Jedenfalls wünsche ich Ihnen, dass das Wissen, das wir weder gesichertes Wissen noch einen festen Glauben haben, uns wach hält für notwendige Veränderungen im Wissen und Glauben. "Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit! Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid. Der uns in frühen Zeiten das Leen eingehaucht, der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht" , dichtet Klaus-Peter Hertzsch. (EG 395)
Ich wünsche Ihnen eine gesegnetes Neues Jahr 2020!

Pastor em. Stephan Lorenz, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, +49 171 6820295

 

Predigt 2p. Epiphanias 2020 Carvoeiro

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 An den Sonntagen der Zeit nach dem Epiphaniasfest geht es darum, wie der zu Weihnachten geborene Christus, das Licht der Welt, diese durchdringt, so dass am Ende alles im Licht des Christus erscheint und alle Menschen Gott in diesem Licht erkennen und mit diesem Gott eins sein können.

Letzen Sonntag habe ich den Augenzeugen Johannes zitiert:
Er war Mensch und lebte unter uns. Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit.

Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, schreibt Johannes. Aber kann ein Mensch die Herrlichkeit Gottes überhaupt sehen. Und wenn ja, wie? Dazu schauen wir uns die Geschichten an, die am heutigen Sonntag gelesen werden.

Die erste Geschichte erzählt von Mose, in der er sehnsüchtig fragt: „Gott, lass mich doch deine Herrlichkeit sehen.“ Er bekommt zur Antwort: „Du kannst mich nicht von Angesicht zu Angesicht sehen, denn kein Mensch kann mich sehen und leben.“ Das scheint im Widerspruch zu Johannes zu stehen. Aber doch viel eher unsere (all)tägliche Erfahrung wiederzugeben: Wir sehen Gott, geschweige denn seine Herrlichkeit, nicht! Weit weg scheint er zu sein! Man braucht nicht einmal die Nachrichten als Beleg heranzuziehen mit ihren schlimmen Greueltaten, nein, schon manche unserer eigenen Lebens- und Familiengeschichten scheinen dagegen zu sprechen, dass Gott sich in unserem Leben jemals zeigt, dass wir Menschen die Herrlichkeit Gottes erblicken. Als Pfarrer höre ich oft Lebensgeschichten von Menschen, wo nicht nur der Betroffene, sondern auch ich mich frage: „Wo zeigt sich da eigentlich Gott?“ Ich denke, solche Gedanken kennen wir alle, die wir hier sitzen, große und kleine, alte und junge, Männer und Frauen.

Trotzdem kennen diese Sehnsucht, aus der heraus Mose fragt. Ich denke, sie ist in jedem Menschen zu finden, besonders bei den Menschen, die im Leben bitter enttäuscht worden sind: auch wir würden gerne Gottes Herrlichkeit, ihn selbst von Angesicht zu Angesicht sehen, um nicht am Leben zu verzweifeln

Schon in der Geschichte des Mose macht Gott ein Angebot. Er stellt ihn in eine Felsenkluft, bedeckt ihn, während er vorübergeht mit einer Hand und sagt ihm: „und du wirst mich von hinten sehen.“

„Hinterher ist man immer schlauer!“, sagen wir und meinen damit: Wenn wir in eine Situation, in eine Aufgabe, einen Konflikt so eingebunden sind, dann fehlt die ganze Wahrnehmung. Vielleicht meint diese Mosegeschichte etwas Ähnliches: bei manchen Situationen und Lebensabschnitten wird einem erst hinterher klar: da hätte es auch schief gehen können, und da, da habe ich Glück gehabt oder in religiösen Worten ausgedrückt: da muss Gott seine Hand schützend über mich gehalten und mich gnädig bedeckt haben, sonst wäre ich heute nicht hier. Gemerkt habe ich es in der Situation nicht, aber jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt es mir doch auf.“ Ich jedenfalls kenne solche Gedanken.
Also könnte eine erste Antwort auf unsere Frage sein: Unsere Sehnsucht wird erfüllt, aber oft merken wir es erst im Nachhinein!

Wie ist es mit den anderen Texten des heutigen Sonntages?

Da ist der Psalm 66 den wir am Anfang gelesen haben. Er ist ein Stoßgebet König Davids in höchster Not ist. Die Syrer und andere Völker bedrohten sein kleines Königreich. Es finden sich immer wieder Aufforderungen an Gott darin: „... Du hast uns zerstreut, führe uns wieder zurück!“ „Du hast das Land zerrissen, heile seine Risse!“ Ein Lied zu diesem Psalmlied beschreibt es so:

„Du hast uns oft verstrickt in Schlingen,
den Lenden Lasten angehängt;
du ließest Menschen auf uns dringen,
hast ringsumher uns eingeengt.
Oft wollten wir den Mut verlieren
im Feuer und in Wassersnot.
doch kamst du, uns herauszuführen,
und speisest und mit Himmelsbrot.“

Ich verstehe das so: Unsere Sehnsucht, dass Gott sich auch uns in seiner ganzen Herrlichkeit zeige, die sollen wir nicht aufgeben, sondern wir können Gott geradezu bedrängen in unseren Gebeten, wir scheinen geradezu ein Recht darauf zu haben, dass Gott sich auch in unserem Leben zeigt, damit auch wir die Erfahrung machen können:
„Rief ich ihn an mit meinem Munde, wenn Not von allen Seiten drang, so war oft zu derselben Stunde auf meiner Zung ein Lobgesang.“

Das wäre eine zweite Antwort: im Gebet ist Gott und seine Herrlichkeit für uns Menschen erfahrbar.

Wieder eine andere Art, Gottes Herrlichkeit zu erfahren, berichtete die Epistellesung, die wir gehört haben:

Deine Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheue das Böse, halte fest am Guten und sei in der Liebe zu anderen hingabefreudig ...
schau hin, wo du Gastfreundschaft üben kannst ...
Segne, die dich verfolgen... Freue dich mit den Fröhlichen, weine mit den Weinenden! Sei mit anderen gleichen Sinns... beug dich zu den Niedrigen ... Halte, soweit es für dich möglich ist und dich anlangt, mit allen Menschen Frieden! Räche, geliebter Mensch, dich nicht selbst.. . Wenn vielmehr einer deiner Feinde hungert, speise ihn; wenn er Durst hat, gib ihm zu Trinken. ... Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde mit dem Guten das Böse!

In der tätigen Nächstenliebe, so die Bibel, können wir Gottes Herrlichkeit erkennen. Wenn wir die Fähigkeit entwickeln, uns in andere einfühlend hineinzuversetzen: „Freue dich mit den Fröhlichen, weine mit den Weinenden, halte, sei mit anderen gleichen Sinns ...“

In solch einer Haltung, sagt Paulus, wird Gottes Herrlichkeit nicht nur dem anderen, dem ich liebend begegne, sondern auch mir, der ich Liebe übe, offenbar. Dieses Anteilnehmen aneinander, die Solidarität ist es, in der jeder Menschen die Herrlichkeit Gottes erfahren kann.

Freilich gilt auch hier: nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern eher im Nachhinein, indem der andere die Hand schützend über mich hält und mich bedeckt, wo ich schutzlos bin, merken wir: hier ist Gott am Werk, hier haben wir Gottes Herrlichkeit erfahren dürfen.

Die Epistel hat uns in der Erfahrung der Herrlichkeit Gottes schon auf die anderen Menschen verwiesen, in der sich gegenseitig unterstützenden, brüderlichen und schwesterlichen Beziehung untereinander werden wir sie finden können.

Einem weiteren Text für heute macht uns aber noch auf eine andere Dimension aufmerksam, wo wir Gottes Herrlichkeit fühlen, schmecken, sehen und erfahren können. Ich würde es die spirituelle Erfahrung der Herrlichkeit Gottes nennen. Diese Geschichte erzählt die  Hochzeit zu Kana. Den Gastgebern geht der Wein aus, Jesusverwandelt auf Bitten seiner Mutter, Wasser in Wein. Man kann diese Geschichte nun wortwörtlich verstehen wollen, dann ist sie eine Wundergeschichte. Aber uns Menschen von heute, denen viel an der Rationalität der Dinge liegt, wird diese Geschichte dann vielleicht etwas fremd bleiben. Wenn man aber diese Geschichte als Metapher verstehen kann, gleichsam als ein großartiges Gemälde, das mit Worten gemalt ist, dann kann sie schon unsere Phantasie anregen. Etwa diese: das kenne ich auch, dass ich ziemlich am Ende war mit meinem Latein, eigentlich war Schluss und Ende der Banane, ziemlich blamiert obendrein, aber dann kam’s doch anders als es sich abzeichnete. Man muss nicht, aber man kann solche Situationen mit Gott in Verbindung bringen und sagen: da war Gott am Werk und hat mich errettet.

Man könnte bei dieser Geschichte vom Weinwunder zu Kanaan auch noch auf den Gedanken kommen, den der Liedvers, den ich gerade zitiert habe, schon ausgesprochen hat - „und speisest uns mit Himmelsbrot“ : Im Abendmahl, in Brot und Wein, können wir Gottes Herrlichkeit schmecken. Da gibt sich Gott und zeigt sich Gott. Das Abendmahl ist wie eine Kostprobe auf die Herrlichkeit, die wir so sehnsüchtig erwarten und die uns erwartet.
Also wäre eine dritte Antwort: wir können ein Stück von Gottes Herrlichkeit an unseren eigenen Leibe erfahren, wenn wir zusammen das Abendmahl feiern und in den anderen gottesdienstlichen Handlungen, die wir hier in dieser Kirche tun. Vorausgesetzt, wir können die Bilder, die uns unsere christliche Tradition in unseren Texten, Liturgien und sakramentalen Vollzügen zur Verfügung stellt, auf unsere Phantasie und Imagination wirken lassen.

Wie geht die Bibel also mit unserer Sehnsucht um, die Herrlichkeit Gottes zu erfahren?

Die Grunderfahrung der Mosegeschichte bleibt: wir können Gott nicht von Angesicht zu Angesicht sehen, aber wir können seine Herrlichkeit – wie es die Bibel sagt - im Nachhinein erfahren, also vermittelt.

Und da war eine Antwort: Unsere Sehnsucht wird erfüllt, aber oft merken wir es erst im Nachhinein! Eine andere: im Gebet ist Gott und seine Herrlichkeit für uns Menschen erfahrbar. So können wir für uns ganz individuell Gottes Herrlichkeit schauen lernen. Zwei andere Möglichkeiten haben uns auf die Gemeinschaft der Gläubigen aufmerksam gemacht: Bei Paulus konnten wir sehen, dass im Anteilnehmen aneinander, in der Solidarität der Menschen untereinander die Herrlichkeit Gottes erfahren werden kann. Und schließlich haben wir gesehen, dass wir ein Stück von Gottes Herrlichkeit am eigenen Leibe erfahren können, wenn wir zusammen das Abendmahl feiern und die gottesdienstlichen Handlungen vollziehen.

Wenn wir die Bilder, die uns unsere christliche Tradition in unseren Texten, Liturgien und sakramentalen Vollzügen zur Verfügung stellt, auf unsere Phantasie und Imagination wirken lassen.

Es gibt also eine ganze Reihe von Möglichkeiten Gottes Herrlichkeit zu schauen, sich in seinem Licht zu wärmen und die Welt mit den strahlenden Augen der Liebe zu sehen, auf dass unsere Sehnsucht erfüllt werde. Und deshalb hat Johannes Recht, wenn er schreibt:

Er war Mensch und lebte unter uns. Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit.

 Und Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr endlich selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen

 

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