Gedanken zur Monatslosung Juli 2019 – Jakobusbrief 1,19.20

στω δ πς νθρωπος ταχς ες τ κοσαι, βραδς ες τ λαλσαι, βραδς ες ργν·ργ γρ νδρς δικαιοσνην θεο οκ ργζεται

Todo homem, pois, seja pronto para ouvir, tardio para falar, tardio para se irar. Porque a ira do homem não produz a justiça de Deus.

Jeder Mensch sei schnell dabei zuzuhören, mit dem Reden soll er sich Zeit lassen, und ebenso mit dem Zorn. Wer zürnt ist meist nicht im Recht.

Martin Luther hat vom Jakobusbrief nicht viel gehalten. Der Verfasser „werfe eins so unordentlich ins andere“. Eine stroherne Epistel. Mit dem letzten Teil der Losung dürfte er wohl auch seine Mühe gehabt haben:“…mit dem Zorn lass dir Zeit. Wer zürnt ist meist nicht im Recht.“ Das kommt seinem Temperament nicht wirklich entgegen. Sein theologisches Argument: in diesem frühen Brief (etwa 55 nach Christi Tod) kommt sein Standartthema, die Rechtfertigung allein aus Glauben nicht vor.

Das ist aber auch gar nicht Ziel des Briefes. Geschrieben möglicherweise vom Bruder Jesu Jakobus an griechisch sprechende Juden, die Christen geworden waren. Sie lagen mit ihren jüdischen Glaubensgenossen im Konflikt. Sich als Jude zu Christus zu bekennen war eine heikle Entscheidung, die von anderen Juden nicht gutgeheißen wurde. Die Frage, ja Zweifel, ob man eine richtige Entscheidung getroffen hatte, stand immer im Raum. In dieser Konfliktlage sollten sie sich bewähren, als Christen zeigen. Geradezu modern lautet der Gedanken: „Wer eine Bewährungsprobe durchstehen muss, soll nicht sagen, Gott wolle das so. Denn genauso wenig wie ein Mensch Gott auf die Probe stellen kann, will Gott das mit den Menschen tun. Wenn man sich zu bewähren hat, dann immer und ausschließlich gegenüber der eigenen Triebhaftigkeit, die an jedem einzelnen zerrt und ihn ködert.“ (1,13.14)

Die Antwort des Jakobus: Euer Glaube soll sich durch Wort und Tat bewähren. Unsere Worte haben ein besonderes Gewicht. Diesen Gedanken spielt er in seinem Brief immer wieder durch. Weil alle Menschen von Gott geschaffen sind, sei die Liebe zum Nächsten zwingend. „Wer bist Du schon, dass Du deinen Nächsten richten willst?“ – fragt er. Sein Rat, wie das zu bewerkstelligen sei: Betrachte die Welt, die Menschen mit den Augen Gottes. Selbstdisziplin und Orientierung an Gott.

Das käme auch uns modernen Menschen zu gut. Denken wir an die Schmähungen und Verrohung in Politik und Social Media. Rabbi Nachman bar Yitzchak (gestorben 356 in Babylonien) sagt: „Jeder, der einen anderen öffentlich beschämt, ist, als ob er Blut vergösse.“ Unsere Worte können töten. Unsere Worte können Leben zum verhelfen. Wir Christen wollen, dass jeder Mensch, weil von Gott geschaffen unser Nächster, Raum zum Leben bekommt. Dazu mögen unsere Worte und Taten beitragen.

Pastor em. J.-Stephan Lorenz

Uz. Sesmarias Lote 84, 8400-565 Carvoeiro

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3. p. trinitatis (7. Juli 2019 Carvoeiro)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

„So wie ein Vater sich über seine Kinder erbarmt, erbarmt sich Gott über jeden, der ihn respektvoll ehrt.“ – Dieser Vers aus dem 103. Psalm gibt das Thema des heutigen dritten Sonntages nach Trinitatis an.

Es geht um das Erbarmen Gottes. Das deutsche Wort „Erbarmen“ ist ein altes germanisches Wort und bedeutet: „aus der Not befreien.“ Es ist die Übersetzung des hebräischen Wortes „racham“, was so viel bedeutet wie: jemanden zärtlich lieben. Noch interessanter finde ich, dass das Verb „racham“ mit dem Wort „rächäm“ verwandt ist, und „rächäm“ ist das hebräische Wort für Mutterleib. Das finde ich ein faszinierendes Bild! Ich versuche es mit meinen Worten zu beschreiben: Gott ist wie eine Mutter, die ihr eigenes, sich noch in ihr befindendes Kind, zärtlich liebt. Das portugiesische Wort wäre compaixao, in dem das Wort paixao steckt, was mit Liebe, Herzeleid übersetzt wird, heißt also: ein liebendes Herz haben. Es geht also in allen Texten, die wir am heutigen Sonntag hören um die Liebe Gottes zu seinen Menschen, - eine Liebe, die sich so zärtlich anfühlt, wie sie eine Mutter für ihr Kind in ihrem Bauch spürt.

Im Predigttext des heutigen Sonntages aus dem Buch des Propheten Ezechiel, lesen wir:

„Was habt ihr bei euch in Israel für ein (eigenartiges) Sprichwort? »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: dies Sprichwort soll nicht mehr bei euch in Israel gelten.... Denn ich habe doch gar kein Gefallen am Tod und Sterben!“

Wir Menschen denken manchmal, Gott habe für unsere Sünden und Schuld das Gehirn eines Elefanten, so wie es das zitierte israelitische Sprichwort ausdrücken will: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? Aber dem ist nicht so, sondern ganz das Gegenteil ist der Fall, Gott sagt: dieses Sprichwort soll nicht mehr bei euch in Israel gelten.... ich habe doch gar keinen Gefallen am Tod und Sterben meiner Kinder!“

Dieser Satz wird sogar dreimal wiederholt… ich habe kein Gefallen am Tod und Sterben!“ Das zeigt, wie wichtig Gott diese Botschaft ist! So wie es für eine Mutter oder für einen Vater das grausamste ist, was ihnen passieren kann, dass ihr Kind stirbt und den Tod findet. Gott will nicht, dass wir Menschen Angst vor IHM haben. Angst und Gott passen genauso wenig zusammen wie Teufel und das Weihwasser. Wir Menschen ändern uns nicht dadurch, dass man uns eine Pistole an die Schläfe hält, einen Kochlöffel über unserem Schädel zertrümmert oder uns in Angst und Schrecken versetzt, sondern einzig und allein durch die Liebe, die wir zuerst und zuletzt von IHM erfahren.

Diese Botschaft setzt sich im Evangelium fort. Es ist die Geschichte vom verlorenen Schaf, das der reiche Hirte sucht, obwohl er doch so viele andere hätte. Er kommt zurück zu seinen Freunden und sagt:

Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. Ich sage euch, so wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der umkehrt. Diese Geschichte steht in einer Reihe von verschiedenen Erzählungen, in welchen nach denen, die sich im Leben verloren haben, intensiv gesucht wird. Am eindrücklichsten für mich in der Geschichte vom verlorenen Sohn, der sich in seinem Elend an seinen Vater erinnert. Er kehrt zu ihm zurück. Das Bild, das diese Geschichte zeichnet ist ganz eindrücklich: Der Vater läuft, als er den verloren geglaubten Sohn sieht, auf ihn zu, er umarmt ihn und - ohne seine Entschuldigung überhaupt richtig anzuhören, ruft er laut und vor lauter Freude aus, das alle, alle es hören können: „… mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden...drum lasst uns essen und fröhlich sein.“

Wer selber Vater oder Mutter ist, dem braucht man eine solche Szene nicht zu erklären. Sie spricht für sich. Gott ist in uns Menschen verliebt! So verliebt wie Mutter und Vater in ihre Kinder.

Ich schließe daraus, wenn Gott uns Menschen aus der Not befreit, wenn er sein Erbarmen, seine zärtliche Liebe zeigt, genügt allein unsere körperliche Anwesenheit – ER, der barmherzige Gott, treibt keine Motivforschung und Gewissensprüfung, ER, der zärtlich liebende Gott fragt nicht, wie ernst meinst du Mensch es denn? Nein!! Gott erbarmt sich dem, der zu ihm kommt, Gott liebt den zärtlich, der sich zu IHM hin-wendet! Auch die Epistellesung unterstreicht diese Botschaft. Da lesen wir: 

Das ist die Grundidee, die wir begreifen sollten: Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um die Gottlosen zu retten, mich zuerst. Dass Gott sich meiner erbarmt hat, sollte dazu dienen, dass Jesus Christus zuerst an mir seine Langmut beweisen konnte. So wollte er für alle ein Vorbild schaffen, damit sie künftig an ihn glauben und das ewige Leben erlangen können.

Paulus hat in seinem eigenen Leben, an seinem eigenen Leib und an seiner eigenen Seele erfahren, wie Gottes zärtliche Liebe ihn völlig verändert hat. Wir wissen ja, und Paulus erinnert in diesem Brief daran, dass er vorher jemand gewesen ist, der für die jüdische Religionspolizei gearbeitet hat. Er hat mit aller Strenge und Härte die Christen an Messer geliefert. Paulus hat den Tod von vielen Christen gewollt und bewusst herbeigeführt!

Und dann passiert diese Geschichte vor den Toren von Damaskus. Saulus sieht den gekreuzigten Christus und dieser fragt ihn: „Saulus, warum verfolgst du mich?“ Diese Frage ist es, die Saulus das harte, steinerne Herz zerreißt. Denn der Ton, mit dem diese Frage gestellt wird, gleicht nicht dem wie sie ein Staatsanwalt stellen würde. Nein es ist die Frage des zärtlich, liebenden Bruders, Gottes selber, der verstehen möchte, warum er das Opfer einer gnadenlosen Verfolgung geworden ist.

Ich merke, wenn Gott uns aus der Not befreit - wenn Gott sich erbarmt, wenn Gott uns mit seiner zärtlichen Liebe fragt, dann kennt er keine Tabus, selbst einen Gottesmörder will er mit seiner Liebe erreichen. Paulus hat dieses tabulose Erbarmen und Befreiungshandeln Gottes im Römerbrief einmal so beschrieben: (Röm 8,35-39)

„Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst, Verfolgung oder Hunger, Scham, Gefahr oder Gewalt? ....Ich weiß genau: weder Tod noch Leben, weder Engel, Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere  Kreatur kann uns von der Liebe Gottes ... scheiden....“

Da ist noch etwas, das mir an dieser Geschichte aufgeht. Was da eigentlich in Damaskus geschieht zwischen Jesus und Paulus wird nicht erzählt. Ob sie ein Fest feiern, ob Jesus dem Paulus ein „Predigt hält“, oder ob sie lange und intensiv miteinander sprechen - darüber können wir nur spekulieren.

Am Ende jedenfalls ist aus Saulus, dem Mörder, ein Paulus geworden, der die Botschaft vom zärtlich liebenden Gott in alle Welt hinausträgt. Ich will darauf hinweisen, dass der Prozess der Umkehr des Paulus, nicht erzählt wird. Daraus schließe ich, das ist offensichtlich ein intimer Prozess, der nicht erzählt werden darf. Der „Raum“ zwischen Jesus und Paulus bleibt geschützt. Was da geschieht, wenn Gott sich eines Menschen erbarmt, ihn aus der Not befreit, ihn mit seiner zärtlichen Liebe anrührt, das geht keinen anderen etwas an. So wie das Versorgen eines Verletzten auch nichts für die Öffentlichkeit ist. Zum Erbarmen Gottes, zu seiner Liebe gehört ein geschützter Raum.

Für uns bleibt: so wie Gott dem Paulus oder dem verloren Sohn mit seiner zärtlichen Liebe gezeigt hat, so wird er sein Erbarmen und sein Liebe gewisslich auch uns zeigen, wenn wir uns zu IHM hin-wenden. Und das kann überall sein und zu jeder Zeit.

Eines ist aber ganz sicher, wenn Gott uns mit seiner zärtlichen Liebe anrührt, wenn wir sein Erbarmen am eigenen Leib und unserer Seele spüren, dann bleibt das nicht ohne Folgen. Wer so etwas erlebt, der gibt es weiter. Davon redet Martin Luther seiner Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis, wenn er schreibt:

" Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist ".

Jeder Mensch weiß genau, was barmherzig sein heißt: das ist nämlich einer , der für seinen Nächsten ein freundliches, gutes Herz, ja Mitleid hat, und sich seiner Not und seinem Unglück, sei es an Seele, Leib oder Sachen, ernsthaft annimmt, und es sich so zu Herzen nimmt, dass er darüber nachdenkt, wie er ihm helfen kann. Er tut dann auch was, ja er tut es sogar mit Lust und Freude.

Ein solches Herz, sagt Christus, könnt ihr für jeden Menschen empfinden. Aber bei euch es soll keine Barmherzigkeit der Zöllner sein, - die üben auch ...Barmherzigkeit untereinander, .... nur tun sie das nach dem Prinzip „eine Hand wäscht die andere!“ Das ist doch eine komische Barmherzigkeit, die deshalb Gutes tut, weil sie wieder Gutes oder Besseres, also quasi mit Zinsen zurückbekommen will!

Wir aber sind Christen, und deshalb können wir barmherzig sein, wie unser Vater im Himmel: nicht nur denen gegenüber, die unsere Freunde sind, sondern jedem gegenüber, auch gegenüber denen, die unsere Feinde sind, ja uns sogar verfolgen.

Selbst dann, wenn wir denken, sie sind es nicht wert … auch wenn wir fühlen, wie schwer das für uns wird, wenn wir vielleicht denken: Ach was geht mich dieser Mistkerl an, er hat mir Mieses getan, ich kenne sein unnützes Maul, warum sollte ich ihm helfen? Ich will viel lieber, dass ihn die Läuse fressen.Wir Menschen haben zuerst immer solch eigenartige Barmherzigkeit im Kopf, die nur auf unseresgleichen abzielt, .... mit anderen wollen wir nichts zu schaffen haben.

Durch Christus aber können wir anders fühlen, denken und handeln, nämlich so: auch wenn uns einer beleidigt und übel mitgespielt hat, können wir uns trotzdem wie Christen verhalten, z.B. indem wir uns in Erinnerung rufen, dass wir barmherzig sein können, und zwar so barmherzig, wie unser Vater ist ... Gott zeigt seine zärtliche Liebe dadurch, dass er seinen Feinden seinen Sohn schenkt, damit sie durch ihn erlöst werden von Sünde und Tod .... an diesem Beispiel können wir uns orientieren, und am Ende so denken: Obwohl mir dieser Mistkerl ziemlich übel mitgespielt hat, dass ich ihm am liebsten wünschen würde, es sollten ihn die Maden fressen, will ich es doch nicht tun. Denn dieses wäre keine christliche Barmherzigkeit. Ja, er hat er mir Übel und Unrecht getan, aber trotzdem will ich ihn jetzt nicht, wo er meine Hilfe braucht, sitzen lassen; denn ich sehe, dass er Hilfe braucht und ich ihm helfen kann. So wie mein Vater im Himmel auch mit mir tut.

Dem brauche ich nichts mehr hinzuzufügen!

Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen