Gedanken zur Monatslosung Oktober 2019

Nach deinem Vermögen gib Almosen; auch wenn Du nur wenig hast, scheue dich nicht wenig Almosen zu geben. Tobias 4, 8

Das Buch Tobias oder Tobit dürften nur wenige kennen. Bis auf den Vers, den noch viele kennen: „Was Du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ (Tob 4,15) Die Geschichte gehört zu den Apokryphen. Das sind Texte zwischen dem 2. Jahrhundert vor und 4. Jahrhundert nach Christus geschrieben, die nicht in die allgemeinen anerkannten Schriftenkanon gekommen sind. Das Buch Tobit ist, so vermutet man, etwa 200 v. Christus geschrieben worden. Luther kannte das Buch ganz gut. Er hat es zum Lesen empfohlen. Haydn (Il returno di Tobia) und Händel haben ein Oratorium über den Stoff geschrieben. Heute ist sind sie vergessen: das Buch, wie auch die Musik.

Das Buch erzählt die Lebensgeschichte eines Juden, der im assyrischen Exil leben muss. Ein Migrantenschicksal. Mit Fleiß schafft es Tobit zum Chefeinkäufer des Großkönigs Salamanassar. Er reist weit umher. Und verdient dabei nicht schlecht Jedenfalls kann er einiges Geld bei einem Freund in Medien hinterlegen. Tobit ist aber nicht nur ein guter Geschäftsmann, er ist bleibt auch in der Fremde seinem jüdischen Glauben treu. Das zeigt sich exemplarisch durch Almosen geben und darin, dass er ermordete Juden nach Sitte der Väter und Mütter beerdigt. Dafür nimmt er sogar den Verlust seiner Stellung am Hof als auch Verfolgung in Kauf. Eines Tages bekommt er womöglich aufgrund einer Bestattung ein Augenleiden, das ihn zeitweise erblinden lässt. Seine Frau macht ihm daraufhin bittere Vorwürfe. Gott schickt auf sein Gebet hin den Engel Rafael, der ihn von seiner Blindheit heilt. Der inzwischen altgewordene Tobit ruft seinen Sohn Tobias. Er erzählt ihm von dem Geld, das er bei einem Freund deponiert hat und gibt ihm sein väterliches Vermächtnis.

„Alle Tage deines Lebens übe Gerechtigkeit und wandle nicht auf den Wegen der Ungerechtigkeit.“ (Tob 4,5) Dazu gehört Wahrheitsliebe, das Geben von Almosen, eine jüdische Frau zu heiraten und seinen Angestellten pünktlich und gerecht ihren Lohn auszuzahlen. Sein ganzer Lebenswandel möge vorbildlich sein, das Geben von Almosen sei das Wichtigste: „Teile dein Brot mit den Hungrigen und von deinen Kleidern gib den Nackten. Alles, was Du im Überfluss hast, gib als Almosen.“

Das Vermächtnis Tobit’s an seinen Sohn Tobias ist der Versuch der Integration in eine fremde Welt, in der eine Fremder wenig galt, bei Bewahrung der eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln.

Uns Deutschen, aber auch anderen Nichtportugiesen, geht es hier im Algarve in der Regel ziemlich gut. Deshalb ist es guter Brauch in unserer ökumenischen orientierten Gemeinde im Algarve, dass wir von unseren Spenden und Mitgliedsbeiträgen immer wieder abgeben. Im letzten Jahr haben wir die Opfer der Brandkatastrophe, dieses Jahr unterstützen wir Schulkinder. Vielleicht fühlen Sie sich angesprochen und mögen der Gastfreundschaft so vieler Portugiesen etwas zurückgeben. Wir freuen uns über jede Spende auf unser Konto IBAN PT50 0045 7063 4028 3045 9748 8 BIC CCCMPTOL – damit wir davon angeben können.

Pastor Stephan Lorenz, Uz. Sesmarias, Lote 84, 8400-565 Carvoeiro, +49 171 6820295 – Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Predigt Erntedank 2019 – Carvoeiro (Loule)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Erntedank erklärt sich selbst: Dank für die Ernte. Wir danken für alles, was in Gärten und auf Feldern gewachsen ist. Dass wir von Katastrophen wie Dürre, Überschwemmung oder einem großen Feuer verschont wurden. Wir sind uns bewusst, dass wir ernsthafte Schritte überlegen müssen, dass es so bleibt, wie uns die Klimakathastrophe zeigt. Wir freuen uns über Obst, Gemüse und Getreide, unser Lebensunterhalt ist gesichert - für das tägliche Brot ist gesorgt.

Martin Luther schreibt zum Vaterunser über das „tägliche Brot“:

„Tägliches Brot ist alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und getreue Oberherren, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

Heute, zu Erntedank geht es um alles, was unser Leben ausmacht. Es geht um unser Auskommen, die Arbeit, die uns ernährt, die Leistung, die wir bringen, damit wir uns etwas leisten können. Es geht um unsere Beziehungen: Um die, die uns im Beruf begleiten, die Familie, die uns trägt, die Freunde, auf die wir uns jederzeit verlassen können.

Es geht um unser Leben. Um alle Gaben, die uns geschenkt werden. Wir sind natürlich auch fleißig, wir strengen uns an. Aber das tun viele andere auch. Denen geht es trotzdem nicht so gut wie uns.

Wir merken: Wovon wir leben, ist Geschenk. Ich kann nichts dafür, dass ich in Deutschland geboren bin und nicht in irgendeinem Elendsviertel am Rande der Welt. Ich kann nichts dafür, dass meine Eltern darauf geachtet haben, dass jedes ihrer Kinder eine gute Ausbildung erhält. Ich kann nichts dafür, dass in Europa seit über einem halben Jahrhundert für Frieden, Chancengleichheit und Rechtsstaatlichkeit steht.

Wovon wir leben, ist uns geschenkt, gegeben. Daran sollen wir uns freuen, nach Herzenslust. Eckart von Hirschhausen hat mal gesagt: Wer nicht genießen kann, ist ungenießbar. Gott sei Dank, dass Gott für uns sorgt, dass uns das tägliche Brot nicht ausgeht und die Liebe nicht abhanden kommt. Das wollen wir dankend genießen.

Und dann hören wir den Propheten Jesaja (58, 6 – 11):

Gott spricht: Danken, das mir gefällt geht so: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinen Mitmenschen! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird hinter dir hergehen. Dann wirst du rufen und Gott wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern auf jemanden zeigst und niemand verleugnest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und Gott wird dich allezeit führen und dich satt machen in der Dürre und deinen Körper stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, die nie versiegt.

Die Botschaft ist klar: Was uns gegeben ist, sollen wir einsetzen, anderen zu helfen. Es ist uns gegeben, damit wir menschlich bleiben. So geht der Gottesdienst, denn Gott mag. Dazu sollen wir etwas abgeben: von unserem Geld, unserer Zeit, unseren Talenten. Wir sollen dem Hungrigen nicht unser ganzes Brot geben, wir sollen es mit ihm teilen. Wir sollen dem Obdachlosen nicht unser Haus geben, wir sollen ihn aufnehmen. Wir sollen dem Nackten nicht all unsere Sachen geben, wir sollen eine Blöße bedecken.

Gib dem Bedürftigen, was er braucht, sagt Jesaja, brich dem Hungrigen dein Brot: Was du hast, behalte nicht für dich selber. Weil Gott es gut mit dir meint, meine auch du es gut mit Menschen, denen es nicht gut geht. Im 3. Buch Mose 19, 18 steht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Oder, wie es Martin Buber übersetzt: „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du.“ Das Evangelium fasst zusammen: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Ich denke, wer glaubt, wird nicht anders Können, als auch seinen Nächsten sehen. Gerade den Bedürftigen.

Kurz bevor ich nach Portugal aufbrach, habe ich eine alte Dame beerdigt. Sie war 95 Jahre. Im Gespräch erzählten ihre Töchter: Unmittelbar nach dem Krieg, als das Essen knapp war, saßen bei ihnen häufig Fremde am Tisch. Das waren Vertriebene, Heimatlose, auf der Suche nach etwas Essbarem. Ihre Mutter hatte selber nicht viel, lebte als Kriegerwitwe von der Hand in den Mund. Doch keiner wurde weggeschickt. Sie wurden hereingebeten und das wenige Essen geteilt.

Deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, sagt Jesaja, und die Herrlichkeit Gottes wird hinter dir hergehen. Bei dem, was vor dir liegt, ist Gott dabei. Aber auch bei dem, was hinter dir liegt.

Wir haben etwas davon, wenn wir abgeben. Wer die Ernte seines Lebens teilt, wird selbst wieder ernten. Das ist die überraschende Erfahrung des Teilens. Wer abgibt, wird reicher. Gott sorgt für den, der gibt. Wer das Herz öffnet für Hungrige und Elende sättigt, wird selbst satt. Ist wie eine Quelle, die nie versiegt, wie ein üppiger Garten mitten im dürren Land. So beschreibt Jesaja unser Gottesdienst im Alltag der Welt. Nicht immer einfach, aber lohnend - für alle Seiten.

Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr endlich selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen