Gedanken zur Monatslosung Mai 2019 - 2. Samuel 7,22

כִּי אֵין כָּמוֹךָ וְאֵין אֱלֹהִים זוּלָתֶ

... não há semelhante a ti, e não há outro Deus...

Niemand ist dir gleich… gibt es keinen Gott außer dir...

Diese Worte des Königs David sind das Bekenntnis der monotheistischen Religionen überhaupt, der jüdischen, der christlichen und des Islam. Allahu akbar (Gott ist groß) beginnt ein gläubiger Moslem sein Gebet, um fortzufahren: Es gibt keine Gottheit außer Dir. Der Gedanke des Monotheismus als Kritik am Polytheismus verfestigt sich ungefähr im 7. Jahrhundert vor Christus. Aber die Idee, es gäbe nur einen Gott ist wahrscheinlich älter. Im 14. Jahrhundert v.Ch. schafft Pharao Echnaton den Polytheismus in Ägypten für eine kurze Zeit ab. Allerdings setzt sich seine Idee nicht durch. Auch in Griechenland gibt es Kritik an der Götterwelt. Und zwar grundsätzlich. In einem Fragment, das dem Kritias (5.Jhd v. Chr.) zugeschrieben wird, lesen wir, dass die Götterfurcht eine Erfindung politischer Machthaber gewesen sein müsse, „auf dass ein Schreckmittel da sei für die Schlechten, auch wenn sie im Verborgenen etwas täten oder sprächen oder dächten.“ Darauf berufen sich Religionskritiker bis zum heutigen Tag. Glaube an Gott entmündige den Menschen und diene dem Erhalt von politischer Macht.

Ob diese Kritik die Worte Königs Davids treffen, bleibt fraglich. Sie sind eine Antwort auf eine Weissagung des Propheten Nathan. David überlegt, nachdem er Jerusalem zur Hauptstadt gemacht hat, Gott einen Tempel zu bauen. Er wohne in einem schönen Haus, Gott aber immer noch in einem Flüchtlingszelt. Nathans Traum ist Antwort auf Davids Tempelbau. Darin verheißt Gott dem David und seinem Volk Ruhe und Frieden. Keine Angst sollten sie mehr haben, denn Gott sei immer bei ihnen. Die Gnade Gottes werde von niemandem weichen, selbst wenn er sich strafbar mache. Aber einen Tempel darf David nicht bauen, das werde sein Sohn Salomon tun dürfen. Die Worte „…niemand ist dir gleich, es gibt keinen Gott außer dir“, sind Antwort auf den Segen Gottes, den ER, der Einzige, David, seinem Haus und den Menschen in Israel zuspricht. Ein großes „Danke“! „Um deines Wortes willen und nach deinem Herzen hast du alle diese großen Dinge getan…“

Wir Christen glauben, dass die Segenszusagen, die Gott David und Israel macht durch Jesus Christus allen Menschen gelten. Alle Menschen sollen furchtlos und in Ruhe leben können. Alle Menschen sind von diesem Gott gesegnet und selbst von denen, die sich vergehen, an Gott, der Gemeinschaft und Einzelnen, wird Gott sich nicht abwenden. Alle Menschen sind von Gott gesegnet. Der Segen Gottes macht alle Menschen zu gleichwertigen Schwestern und Brüdern. Bleiben wir in seinem Segen, wird Gott in uns sein und wir in Gott. So wird Friede werden.

Pastor i.R. Stephan Lorenz

Sonntag Rogate (5.n.O)

Text: Matthäus 6, (5-6) 7 - 13 (14-15)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Ich denke, Menschen beten viel: Stoßseufzer, Hilferufe, Angstschreie, gar Flüche. In den Psalmen finden wir alles wieder. Sie sind situative Verarbeitungen unsere Erfahrungen. Machen Sinn, wo Unsinn war. Ein eher unbewusstes Geschehen.  In der Lesung haben wir das Vater unser gehört. Das kennt jeder. Ich will einige Bemerkungen dazu machen.

(5) Wenn ihr betet (exomai: feierlich die Stimme erheben, mit Stolz bekennen, jubeln), seid nicht wie die, die schon auf alles eine Antwort haben (üpokritai: Heuchler), die sich in die Synagogen und an die Ecken der großen Straßen hinstellen, um feierlich ihre Stimme zu erheben, damit sie von (allen) Menschen gesehen werden. Es ist so, ich sage euch das: sie bringen sich selbst um ihren Lohn.

(6) Jedes Mal, wenn du betest, gehe in deine abschließbare (Vorrats-/Schatz)Kammer, und schließe die Tür (hinter dir) zu, um zu deinem Vater zu beten, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird sich dir mitteilen.

(7) Wenn ihr aber betet, dann quält euch nicht vergeblich, wie die übrigen Menschen; (8) denn sie sind (oft) der Meinung, dass sie auf ihre vielen Worte hin gehört würden. (9) Denen macht euch nicht gleich. Denn euer Vater weiß, was eure Bedürfnisse sind, noch bevor ihr gefragt habt.

(10) So sollt ihr dann beten:  Vater unser im Himmel, dein Name soll heilig geachtet werden, deine (Vater-)(Herr-)schaft soll sich zeigen, dein Wohlgefallen soll am Ende geschehen, gleichermaßen im Himmel und auf der Erde. Unser überwesentliches (epousion) Brot für morgen gib uns heute. Uns erlasse, was wir schuldig sind, wir werden gleichermaßen erlassen, was andere uns schuldig sind. Und leite uns in unseren Prüfungssituation, bewahre uns vor dem (Übel/Leiden/Teufel). (14) Wenn ihr nämlich den Menschen ihre (Fehler)Sünden erlasst, wird euch euer Vater im Himmel eure auch erlassen. Wenn ihr sie aber den Menschen nicht erlasst, wird euch euer Vater eure Sünden auch nicht erlassen.

Es gibt einen Vorspann und einen Nachspann. Im Vorspann geht um öffentliches und privates Beten, und um das Verstanden-werden, noch bevor man sich selbst verstanden hat. Der Nachspann ist eine Wiederholung einer ‚Vater unser‘ Bitte.  Unsere Wünsche, Bitten, Hoffnungen, Gefühle, sind eng mit unserer Person verbunden. Ihre Abweisung ist körperlich spürbar. Sie tut weh.  Diese Erfahrung sprechen ersten Versen unseres Textes an. Wer nur öffentlich betet, kann weniger auf seine Person achten. Er bringt ‘sich selbst um seinen Lohn, wie es der Text sagt. Denn: Das Äußern von Wünschen, Hoffnungen, Befürchtungen, Bitten und tiefen Gefühlen, Neid, Hass, Rache, aber auch Liebe - alles was in einem Gebet ausgesprochen werden will, braucht einen Schutzraum.  

Das ist das erste, was uns das Evangelium nahelegt. Unser Beten brauct einen geschützten Raum. Er schützt mich als Beter: vor Kränkung, Scham, Gelächter, und Verletzung. Schützt mich vor mir selber, die anderen vor mir, schützt meine Beziehung zu Gott. Jede Person braucht einen solchen geschützten Raum, um die Dinge zu sagen, die ihn am Herzen liegen. Jesus sagt: Gott achtet diesen Schutzraum. Gott geht behutsam mit uns um, eben weil er weiß, „was im Verborgenen ist“, wie es da in uns aussieht.  Wer den Schutzraum nicht achtet, achtet keine Grenzen, nicht die seiner eigenen Person, er ist scham-los, grenzen-los, schutz-los. So wird er auch mit anderen Menschen umgehen: scham-los, grenzen-los, schutz-los.

Was muss geschützt bleiben?

Was Gott betrifft, beten wir zuerst: ‘Vater’ unser. Wir erzählen uns, dass er der Vater allen Lebens ist, dass er uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat, und dass er alles getan hat und tut, damit wir vom Bösen erlöst werden.  Dann sollen wir darauf achten, dass Gottes Name heilig geachtet werde, dass seine Vater-Herrschaft sich zeige und dass sein Wohlgefallen sich am Ende gegen alle Widerstände durchsetzen wird.

Was uns Menschen anbetrifft, geht die erste Bitte um das überwesentliche Brot, wie es im griechischen Urtext heißt, epousian. Ein hapax legomenon, eine neue Wortschöpfung. Dieses Wort hat es im Griechischen bis dahin nicht gegeben. Das deutet auf etwas Besonderes hin. Es ist ein Verweis auf das Manna, das vom Himmel fiel, als die Israeliten durch die Wüste zogen. Manna hält sich nicht, es muss täglich neu gegeben werden. Es ist ein Verweis auf die Worte des Abendmahls: ‚Das ist mein Leib.‘ Eine Speise für das ewige Leben. Als ‚pharmakon athanasias‘ wurde das Abendmahl bezeichnet, als Medizin zum Ewigen Leben. Das brauchen wir täglich.  Wenn wir um das ‘überwesentliche Brot’ bitten, geht es um unsere seelische Bestandssicherung. Die soll nicht bedroht werden. Diese Bitte hat ihre Entsprechung in der Bitte „dein Name soll geheiligt werden“. Nur wenn die Unversehrtheit der Personen in einer Beziehung gewährleistet ist, kann es überhaupt zu einer lebensspendenden und liebevollen Beziehung kommen.

In der zweiten Bitte geht es um den Schuldenerlass Gottes den Menschen gegenüber und der Menschen untereinander. Man kann es ganz wortwörtlich nehmen oder als Bild. In dieser Bitte geht es um unsere um die seelische Freiheit. Gott bindet uns nicht durch ein Schuldverhältnis an sich. Die Schulden, die da wären, werden nicht angerechnet, so lautet die christliche Botschaft in fast allen wichtigen Abschnitten des Neuen Testaments.

Ein Schuldverhältnis ist ein Abhängigkeitsverhältnis besonderer Art. Wer Schulden hat, dem ist ein Stück seiner Freiheit genommen ist. Wir wissen: Wo zwischen Menschen ‘Schuldenkonten’ geführt werden, verbittern sie oder werden krank. Das passt nicht zur Beziehung Gott Mensch. Das Bild der ‘Vaterschaft’ bzw. der ‘Kindschaft’ beschreibt auch ein Abhängigkeitsverhältnis. Aber in dieser Beziehung herrscht ein Geben und Nehmen auf der Basis der Freiwilligkeit, Großzügigkeit und Liebe. Man gibt sich etwas, weil man sich liebt; man nimmt etwas an, weil es aus Liebe gegeben wird.   Zwischen Gott und uns Menschen wird kein Schuldenkonto geführt, deshalb haben wir Christen auch die Freiheit, auf unsere ausstehenden Schulden zu verzichten. 

In der dritten Bitte geht es darum, dass Gott uns in unseren Versuchungen leite. So wäre die korrekte Übersetzung des aramäischen Wortes. Dass Gott uns vielmehr bewahre vor dem, was unser Leben zur Hölle macht. Jeder von uns weiß: Versuchungen spielen mit unserer Lust und unserer Angst. Wer nur seiner Lust folgt, wer Angst hat, kann nicht in Freiheit und Liebe entscheiden und reden. Er ist getrieben. Eindrucksvoll beschrieben in der Versuchungsgeschichte Jesu. Der Lebensgier zu widerstehen, dem eigenen Narzissmus, den eigenen Omnipotenzphantasien nicht zu verfallen, dass schützt uns und macht uns stark. Wenn wir der Lust und Angst nachgeben, wird Leben zu einer Quälerei, zu einer Plage.  Soweit zu den Bitten des „Vater- unser“.

Und nun der Nachspann. Einer Wiederholung. Wenn etwas wiederholt wird, ist es wichtig. Es geht noch einmal um den Schuldenerlass (Sündenerlass): der Schuldenerlass kennzeichnet die Gottes Herrschaft. Er gibt uns die Freiheit, sich zu entfalten in der Beziehung zu Gott, anderen Menschen und zur Umwelt. Gottes Schuldenerlass gibt Freiraum zum Leben.  Wir sind frei zu tun, was zu tun wir für nötig erachten, gänzlich ohne Auflagen. Erst aus der Einsicht wie unsere Freiheit zustande kommt, kann Verantwortung (re-ligio) entstehen. Verantwortung für sich selbst, für Andere und für Gottes ganze Schöpfung. Nur auf dem Boden solcher Freiheit kann eine menschliche Kultur, was ja übersetzt ‘Sorgen für’ heißt, kann menschliche Fürsorge zueinander sinnvoll entstehen und sich entwickeln. 

Wie wohltuend eine solche Freiheit ist, zeigt die folgende Geschichte: 

Es gab im Mittelalter einmal einen Mann, der war Maler. Er ging nicht wie alle anderen Menschen damals zur Beichte, um sich seine Sünden und Fehler von den Priestern vergeben zu lassen. Denn er meinte, die Leute täten das mehr aus Angst, denn aus Freiheit und Überzeugung. Das hielt er durch. Seine Frau aber, die machte sich Sorgen um ihn. So fragte sie ihn eines Tages, ob er denn überhaupt keine Angst vor Gott habe. Er antwortete ihr: „Mein Beruf ist es zu malen, und als Maler habe ich mich ausgezeichnet. Ich bin wirklich gut. Gottes Beruf ist es zu vergeben, und wenn er seinen Beruf so tüchtig versieht, wie ich den meinen, sehe ich keinen Grund Angst zu haben.“ 

Dass Gott seinen Beruf gut ausübt, können wir uns verlassen. 

Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen