Gedanken zur Monatslosung November 2019

Und die Stadt, die Heilige, das neue Jerusalem sah ich herabgleiten aus dem Himmel von Gott, wie eine für ihren Bräutigam geschmückte Braut. Offenbarung 21,2

Ein eigenartiges, fremdes Bild. Eine ganz neue Stadt von Gott gebaut, senkt sich auf die Erde, schön herausgeputzt wie zu einer Hochzeit. Nicht irgendeine Stadt, sondern Jerusalem. Heilige Stadt für Juden und Christen, heute auch für Muslime. Geschrieben an die ersten Christen in Kleinasien, also der heutigen Türkei und Syrien. Die Situation war bedrohlich und radikalisierte sich zunehmend. Der jüdische Krieg und damit die Zerstörung Jerusalems zeichnete sich ab. Kaiser Nero ist an der Macht. Rom hatte gebrannt, Christen wurden verfolgt, im Circus Maximus zum Gaudi der Massen wilden Tieren vorgeworfen. Dieses Martyrium hatte alle Christen aufgeschreckt, lähmende Angst machte sich breit. Sie mussten mit Handelsboykott und gesellschaftlicher Ausgrenzung seitens der heidnischen Bevölkerung rechnen.

Wenn Menschen Situationen als lebensbedrohlich erleben, kommt es vor, dass sich die Wahrnehmung entdifferenziert. Wenn Angst nach unserer Seele greift, gibt nur noch „gut“ oder „böse“. Das kennen wir von heute. Wir erleben es gerade. Politiker in aller Welt gehen mit Gut/Böse-Weltbildern auf Stimmenfang und werden gewählt. Die Angst wird damit nicht kleiner, aber die Spaltungen unter den Menschen immer größer. Das Aggressionspotential steigt.

Was tun? Auch die Offenbarung des Johannes kennt die Guten und einen Böse, den römischen Staat, an dessen Spitze der Kaiser. Er ist ein Clown, der den wahren Heiland Jesus Christus nachäfft. Der Verfasser hat Angst, dass die christliche Identität durch Kompromisse mit der hellenistischen Kultur und dem Kaiserkult verloren geht. Wie alle Christen damals glaubte er, dass diese Welt zu Ende geht und Jesus Christus bald kommt. Deshalb sollen die Christen trotz aller Bedrohung am Glauben festhalten. Die Rettung ist doch so nahe. Denn im neuen Jerusalem „wohnt Gott gemeinsam mit den Menschen. Wenn Gott bei ihnen wohnt, sind sie endgültig sein Volk, und er ist als ihr Gott für immer bei ihnen. Alle Tränen wird er abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod mehr geben, und keine dumpfe Trauer, keine Verzweifelungsschreie und keinen peinigenden Schmerz. Denn alles, was früher war, ist vorbei.“

Gott selbst wird kommen. Wird die Menschen trösten wie eine zurückkommende Mutter ihren Kindern die Tränen abwischt und die Angst nimmt. Dann hört die Trauer auf, der Schmerz legt sich.

Vielleicht ja auch für uns eine Hoffnung, wenn wir in Angst geraten und wir unsere Welt in nur gut und nur böse aufspalten: Gott gibt uns Kraft. ER ist bei uns und wird bei uns sein. Das können wir getrost glauben.

Pastor i.R. Stephan Lorenz

 

Predigt Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr 2017

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Solche Lebensgeschichten kennen wir: da lebt einer sein Leben, seinen Alltag; hat seine Gewohnheiten, liebgewordene und auch lästige. Er plant und wird verplant, macht seine Arbeit mal mit Spaß, mal mit Frust, er unternimmt was, hat manchmal auch Langeweile. Ernst K. ging es so. Er hat eine schöne Familie und einen interessanten Beruf. Doch dann bemerkt er eines Tages Müdigkeit und Schlappheit, er beginnt Worte zu vergessen, der Gang wird etwas unsicher. Er geht zum Arzt. Der findet einen Tumor. Er wird operiert, und als er aufwacht, weiß er: alles ist anders. Das Leben wie es vorher war, gibt es nicht mehr. Er fühlt wie Hiob:

Der Mensch, ein Schatten, vom Weibe geboren, lebt nur eine kurze Zeit, ist voll Unruhe; er geht auf wie eine Blume und fällt ab wie ein Schatten und bleibt nicht.

Solche Geschichte könnten auch wir uns erzählen. Wo das Leben in seiner Selbstverständlichkeit einen Riss bekommt, ganz zu zerbrechen droht. Schnell wollen wir wieder zur Tagesordnung übergehen. Das ist ja verständlich.

Hiob hat recht. Der Mensch ist wie ein Schatten. Unser Leben ist zerbrechlich. Ein Blick in die Zeitung, die Nachrichten im Radio. Der Mensch ist wie ein Schatten Überall Risse.

Wie geht dann Leben? Wir spüren unsere Sehnsucht nach Heilsein, Frieden, nach Gerechtigkeit, nach Fürsorge und einem Zuhause für alle Menschen ohne Angst und Streit?

Diese Sehnsucht heißt in der Bibel „Reich Gottes". Im Vaterunser bitten darum: „Dein Reich komme".Wann wir unsere Sehnsucht erfüllt? Das Evangelium erzählt:

Pharisäer fragten Jesu: Wann kommt Gottes Herrschaft? Jesus antwortete: Gottes Herrschaft ist nicht etwas, das sich durch bestimmte Zeichen auf Erden oder am Himmel ankündigt und dann plötzlich ausbricht. Man wird auch nicht sagen können: Hier ist sie! Oder: Dort ist sie! Sondern unsichtbar ist Gottes Herrschaft bereits unter euch. Sie bricht hervor und wird sichtbar.

Menschen fragen, sie sehnen sich, das Reich Gottes zu erleben: “Jesus“, fragen sie, „wie lange dauert es denn noch? Hoffentlich sind wir dann auch am richtigen Ort, so dass wir es mitkriegen und nicht verpassen! Gibt es Zeichen, damit wir uns darauf einstellen können.“

Jesus hört sich ihre Sorgen und Fragen an. Er wehrt sie nicht ab, wertet sie nicht ab. Er leidet doch selbst am Unheil dieser Welt, an den vielen Rissen. Doch er weiß auch: so geht das nicht mit Gott! So geht Leben nicht! Gott arbeitet nicht bei der Bahn, wo man sich um 9:16 Uhr an den Bahnsteig stellt und das Reich Gottes kommt an. Wer Gottes Herrschaft terminlich oder örtlich bestimmen will, lebt an Gottes Ort und Gottes Zeit vorbei

Gott lässt sich nicht fassen, fixieren, evident beweisen, auch nicht sein Reich und Wirken unter uns in dieser Welt. – Jesus behauptet provokativ: Das Reich Gottes ist mitten unter euch! Was meint er wohl damit? Ich denke, er meint: Starrt nicht in die Zukunft oder lauft sonst wohin. Es ist mitten unter euch!

Wir wissen nicht, wie die Leute damals auf diese Antwort reagierten. Ob sie kopfschüttelnd, enttäuscht über so wenig Verlässlichkeit, weggingen oder aufhorchten, und sich von dieser Geschichte anregen ließen. Das liegt bei jedem einzelnen. Auch heute.

Was meint denn Jesus damit, das Reich Gottes sei „mitten unter uns"?

Immer wieder treffe ich Menschen, die nach der idealen Gemeinschaft suchen, so etwas wie den „Himmel auf Erden". An ihren konkreten Gemeinschaften haben sie dies zu kritisieren und jenes zu bemäkeln. Und so wandern sie weiter und weiter, suchen hier und da. Ob sie ihr ideales Ziel, die Erfüllung ihrer Sehnsucht finden?

Ideale Gemeinschaften zwischen Menschen gibt es nicht. Aber wissen Sie was? Ich glaube, wir brauchen die auch gar nicht! Das ist sogar gut so. Ich denke vielmehr: Wenn wir uns selbst und das, was wir haben und können, einbringen und einsetzen, dann geschieht, was Jesus „Reich Gottes" nennt: Erfahrung von Gottes liebender und heilender Gegenwart hier und heute. Wie das?

Ich denke an alle, die sich um jemanden kümmern, der krank oder allein ist, ihn pflegen oder besuchen. In ihrem Da-sein, ihrem Kommen, Zuhören, Begleiten und tun, was Menschen brauchen, deren Welt zusammengebrochen ist, scheint das Reich Gottes in unser zerrissenes Leben. Wo Menschen einander wahrnehmen in ihrer Not, mit ihren kleinen Erfolgen und ihren Freuden. Ich sehe dich an. Ich höre dir zu. Ich gebe dir Zeit und Raum. So ist das Reich Gottes mitten unter uns!

Wenn wir’s so betrachten, erkennen wir: Das Reich Gottes in vielen Farben und Facetten! Es ist da! Mal blitz es hier auf, mal da. Es wird klarer: So wird es sein, wenn Gottes Herrschaft anbricht.

In solchem Verhalten kommt zum Vorschein, was in uns lebt, was uns beseelt und beflügelt, woran unser Herz hängt. Sehen und Gesehen werden als geliebte und liebende Menschen.

Wem nur das eigene Wohl, die eigene Familie, der eigene Besitz und Erfolg oder Spaß-Haben wichtig ist, dem wird das Reich Gottes verschlossen bleiben. Paulus sagt:Keiner von uns lebt für sich allein, stirbt für sich allein. Wenn wir leben, leben wir aus Gott, wenn wir sterben, so sterben wir in Gott. Ob wir leben oder streben, wir gehören zum Gott.

Also für den, der sich von Jesus Christus ansprechen läßt, und sei es in einer noch so kleinen und verborgenen Geste, tröstenden Worten oder handelndem Helfen, für den ist das Reich Gottes immer und überall möglich und da. Nicht weit weg, sondern hier und heute da. Unter uns. Wenn auch nur bruchstückhaft und flüchtig.

Am Ende wird es kommen, zu Gottes Zeit in ganzer Fülle, öffentlich und für alle sichtbar. Dann wird unsere ganze Sehnsucht gestillt werden.

Bis zum Ende werden uns Leid, Not und Krankheit nicht erspart bleiben, so wenig wie sie Jesus erspart blieben. Das Leid mag bei jedem von uns anders aussehen. Aber es lässt uns auch - ohne verklären zu wollen - erfahren, dass uns Gott hier und heute darin bewahren, erretten kann, wenn wir uns als geliebte und liebende einander zuwenden. 

Unser Leid erinnert uns schmerzlich an die Risse unseres irdischen Lebens und halten unsere Sehnsucht wach für das Gottesreich. Es ist schon „mitten unter uns", in ganz menschlicher zugewandter Weise gegenwärtig.

Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen